Die „Personalisierte Medizin“ ist in aller Munde und hat sich zu einem beherrschenden Leitmotiv der Gesundheitsforschung entwickelt. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung von Medikamenten, die eine maßgeschneiderte Therapie erlauben. Basierend auf der genetischen Individualität eines jeden Menschen werden Patientengruppen mit bestimmten Merkmalen identifiziert, die eine spezifische medikamentöse Behandlung erhalten. Dazu werden molekulargenetische Tests entwickelt, die vorab zeigen, ob oder in welchem Maße ein Arzneimittel bei einem individuellen Patienten wirkt. Erst dann kommt das Medikament zum Einsatz. Ziel ist es, Arzneimittel am Erfolgsort effektiver zu machen und systemische Nebenwirkungen zu reduzieren, die in der medikamentösen Therapienach wie vor eine erhebliche Herausforderung darstellen.
Das Motiv der Personalisierung oder auch Individualisierung ist jedoch nicht nur für Arzneimittel interessant sondern auch für Medizinprodukte. Zum einen sind Medizinprodukte erforderlich, um die personalisierte Medizin als unmittelbare Kombination aus Diagnostik und Therapie („Theranostik“) technisch zu realisieren. So ist die Bildgebung ohne Technik nichtdenkbar. Auch sind geeignete, ggf. mobil einsetzbare in vitro-Diagnostika sowie Verabreichungstechnologien erforderlich. Zum anderen lässt sich die generelle Zielsetzung, die medizinische Therapie durch Patienten-individuelle Adaption effektiver und nebenwirkungsärmer zu gestalten, auch auf die Gestaltung medizintechnischer Komponenten, Geräte und Systeme übertragen. Innovative Medizinprodukte zeichnen sich durch einen signifikanten Nutzen für den Patienten aus, sie sollten sicher und schonend in der Anwendung sein und dabei gleichzeitig effizient.
Die Personalisierung von Diagnostik und Therapie kann daher als eine bedeutende Optimierungsstrategie angesehen werden, die immer stärker auch für die Medizintechnik eine Rolle spielt. Im Unterschied zur Pharmakologie drückt sich jedoch die biologische Individualität eines Menschen aus dem Blickwinkel der Medizintechnik weniger auf der molekulargenetischen sondern mehr auf der anatomischen, physiologischen und zum Teil auch auf der zellulären Ebene aus. Hierfür gibt es eine Vielzahl an Beispielen, etwa autologe Bioimplantate, individualisierte Verfahren und Technologien für die bildgeführte Intervention oder auch telemedizinisches Patientenmonitoring.
Die DGBMT – Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE greift das Thema Personalisierte Medizintechnik im neuen Innovationsreport 2012 auf. Es werden vier besonders innovative Bereiche personalisierter Medizintechnik von Experten und Expertinnen der DGBMT erörtert: „Biomarker“, „Bioimplantate“, „Patientenmodelle“ und „Closed-Loop-Systeme im OP“. Der Bereich der Biomarker stellt in Verbindung mit den zentral bzw. dezentral am „Point of Care“ einsetzbaren in vitro-diagnostischen Technologien das unmittelbare Bindeglied zwischen personalisierter Medizin und personalisierter Medizintechnik dar. Die Bioimplantate zeichnen sich durch ein besonders hohes Innovationspotenzial aus und sind - insbesondere bei Verwendung körpereigener (autologer) Zellen oder Gewebe - eine Form hoch individualisierter und damit „maßgeschneiderter“ Medizinprodukte. Bei den Patientenmodellen und in hohem Maße auch beiden Closed-Loop-Systemen im „theranostischen OP“ geht es vor allem um die Zusammenführung, intelligente Verknüpfung und Nutzung spezifischer Patientendaten. Im Ergebnisentstehen IT-basierte Verfahren, die dem behandelnden Arzt bei Diagnosestellung, Therapiefindung und Therapieverlaufskontrolle eine auf den individuellen Patienten bezogene Unterstützung geben.
Der DGBMT-Innovationsreport soll den Dialog zwischen Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik fördern und helfen, zukunftsträchtige und für Deutschland wichtige F&E-Themen der Biomedizinischen Technik zu identifizieren und zu unterstützen. Dazu werden die vier Themen sowohl aus technologischer als auch ausklinischer Sicht in kompakter Weise erörtert und bestehende Herausforderungen und Bedarfe identifiziert.