Ausführlicher Beitrag zu VDE dialog 5-2003, Seite 10
Zur Diskussion:
Manfred Seidel, VDE
Der sogenannte Bologna-Prozess mit "Schaffung eines europäischen Hochschulraumes bis 2010" und der Transparenz von gestuften Abschlüssen hat an deutschen Hochschulen auch im Bereich der Elektro- und Informationstechnik bereits zu einigen Veränderungen geführt. Im September findet in Berlin die Nachfolgekonferenz zu Bologna statt, wo weitere Beschlüsse erwartet werden. Zu diesem Anlass haben sich mehrere Institutionen wie die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände BDA und der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft dafür ausgesprochen, das Nebeneinander der Abschlüsse einzustellen und nur gestufte Abschlüsse an den Hochschulen anzubieten. Offenbar wird wohl sehr schnell das Diplom-Studium mit Abschluss "Dipl.-Ing." wie es im deutschsprachigen Raum eingerichtet ist, in Kürze keine Förderung und Chance auf allgemeine Anerkennung in der EU mehr erhalten.
Qualitätsfrage
Der VDE hat den bildungspolitisch forcierten Prozess im Bereich Elektrotechnik und Informationstechnik mit den bereits im Jahr 2001 erarbeiteten Leitlinien und Qualitätsanforderungen an Ingenieure mit Bachelor- und Masterabschlüssen begleitet. Dabei waren und sind eine hohe Qualität der Ausbildung, Praxisbezug und Berufsfähigkeit unverzichtbar bei der Gestaltung der Studiengänge; die Nomenklatur ist sekundär. Das Ausland sollte nicht nachgeahmt, sondern die Vorteile beider Systeme kombiniert werden, wodurch z. B. der vorgeschlagene deutsche Bachelor eine vergleichsweise höhere Qualität hat. Dieser hohe Standard, und hier insbesondere die Bedeutung der integrierten Praxisphasen im Studium, resultiert auch bei den neuen Abschlüssen aus der besonderen Rolle der Ingenieurwissenschaften im Vergleich zu den Geisteswissenschaften. Meines Erachtens wird diese besondere Rolle von der Bildungspolitik nicht ausreichend erkannt und anerkannt. Der "Systemwechsel" sollte nach Vorstellung des VDE nicht pauschal, sondern konditioniert und mit ausreichenden Zeitkonstanten vollzogen werden, bis erkennbar ist, dass sich das Neue gegenüber dem Bisherigen als zumindest gleichwertig erweist. Der Wechsel eines gewachsenen Ausbildungssystems ist immerhin ein praktisch irreversibler Prozess mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Gymnasien, die Berufsausbildung, Weiterbildung und gesamte Arbeitswelt. Selbst die KMK weist mittlerweile in ihren neuesten Thesen darauf hin, dass "wichtige Gründe für eine Beibehaltung der bewährten Diplom-Abschlüsse auch über das Jahr 2010 hinaus sprechen können".
Konzepte
Bei der konkreten Gestaltung dieser Entwicklung sehe ich persönlich die Gefahr, dass die Auswirkungen des gesamten Prozesses nicht immer ausreichend bedacht werden, dass formale und nicht inhaltliche Gesichtspunkte die Diskussion bestimmen und insgesamt die Gefahr zur Absenkung der Qualität der Ingenieurausbildung gegeben ist. Diese Befürchtungen gibt es m. E. vor allem in zwei Bereichen - bei Konzepten, bei denen die Studienzeitverkürzung als alleiniges Ziel im Mittelpunkt steht sowie bei einigen Formen der zunehmenden Weiterbildung. Die formale Verkürzung des Studiums impliziert oftmals Schnellschüsse oder Experimente, die nicht im Sinne der vom VDE formulierten hohen Qualität der Ausbildung liegen können. Beispielsweise gibt es von verschiedenen Seiten einschließlich der Akkreditierung Bestrebungen, auf ein Praxissemester auch bei den Ingenieur-Studiengängen zu verzichten, was beim Bachelor, der die Hochschule verlässt, zu einer Ausbildungszeit von 6 Semestern führt. Der VDE plädiert demgegenüber für die Integration ausreichender Praxisphasen in das Studium, vorzugsweise im Umfang eines Praxissemesters beim Bachelor, bei dem die Grundlagen für eine spätere Spezialisierung gelegt werden und der beim Verlassen der Hochschule berufsbefähigt arbeiten muss. Eine Bachelor-Version für Abbrecher oder andere nicht leistungsfähige Studierende darf es meines Erachtens nicht geben!
Weiterbildung
Außerdem soll auf eine andere Entwicklung aufmerksam gemacht werden, die mit den gestuften Studienabschlüssen verbunden ist. Vielen Betroffenen ist nicht bewusst, dass das neue System durch seinen Modulcharakter eine Entwicklung fördert, die zunehmend wichtiger wird: Die Grenze von Berufsausbildung, Weiterbildung und Ingenieurausbildung wird sehr fließend. Es zeichnet sich eine Verlagerung von Ausbildungsinhalten in eine spätere Weiterbildung und umgekehrt ab. Denn eine wesentliche Komponente des anglo-amerikanischen Konzeptes der "Higher Education" besteht darin, Berufsqualifikationen, die außerhalb der Hochschulen erworben wurden und im Berufsleben in bestimmten Abständen weiter erworben werden müssen, ausdrücklich einzubeziehen. Bildungspolitiker trennen in diesem System die akademische von der beruflichen Qualifikation und Anerkennung (professional recognition). Frage: Brauchen wir bei uns diese Trennung? Ich meine, wenn die Ausbildungsqualität im oben geschilderten Sinn erhalten bleibt, dann ist eine Nachqualifikation durch die Berufspraxis nicht wie im Ausland erforderlich. Bei uns wird die Berufsbefähigung bisher mit den Ingenieurabschlüssen nachgewiesen. Möglich wird dies durch Praxisnähe der Ausbildung, durch integrierte Projekte und vor allem durch Industriepraktika und Studien- sowie Abschlussarbeiten, die meist in Verbindung mit Entwicklungsprojekten der Industrie durchgeführt werden. Dieses ist z. B. in USA in der Form nicht möglich. Der deutsche Ingenieurabschluss drückt bisher eine hohe Ausbildungsqualität aus, nicht nur bezüglich der ingenieurwissenschaftlichen Kenntnisse, sondern auch hinsichtlich der Hinführung zur Selbständigkeit und Berufsbefähigung. Diese Qualität wird auch im Ausland anerkannt, wo die Berufsbefähigung erst nach einigen Jahren konkreter Berufsarbeit erworben wird. Den dort mit Anleitung bzw. Mentoren verbundenen Aufwand (ähnlich dem Trainee-Programm) wollen bzw. können zahlreiche US-Firmen jetzt nicht mehr leisten!
Es gibt bei uns neben den dualen und berufsbegleitenden Studiengängen zahlreiche interessante Entwicklungen, das Studium und die Berufsarbeit stärker miteinander zu verknüpfen und die Weiterbildung einzubeziehen. Dieser Prozess wird sicher zu einer größeren Flexibilität für die Studierenden und auch hinsichtlich des Arbeitsmarktes führen. Auch ist eine stärkere Rolle der Hochschulen bei der Weiterbildung zu befürworten. Die Gefahr ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass mit der Art der Verknüpfung mit den gestuften Abschlüssen die Qualität von außen bestimmt und ggf. abgesenkt wird. Zusätzlich ist zu befürchten, dass bei voller Übernahme des angelsächsischen Systems ein bürokratischer Apparat mit vielfältigen Zertifizierungen einzelner Weiterbildungssegmente oder mit der Etablierung eines Ingenieurregisters nach britischem Vorbild geschaffen wird. Im liberalisierten System wird die Vielfalt naturgemäß größer (übrigens auch der Abschlüsse); die Frage ist jedoch, ob ein solcher bürokratischer Apparat bei uns notwendig ist. Bei den Weiterbildungsstudiengängen sollte bei der Titelvergabe m. E. der gleiche Standard gelten wie bei den "normalen" Studiengängen. Die vorgesehenen Akkreditierungen sichern im übrigen nicht den Nachweis einer hohen Qualität, sondern lediglich die Erfüllung von Mindestkriterien. Dort sollten m. E. aber die inhaltlichen gegenüber den formalen überwiegen.
FH und Uni?
Wie das Beispiel Frankreich zeigt, muss mit der Einführung gestufter Abschlüsse keinesfalls das angelsächsische System voll übernommen werden. In Deutschland wird ein weiterer Unterschied zum Ausland m. E. unzureichend berücksichtigt - die Existenz der beiden Hochschultypen Fachhochschule und Universität mit deren mittlerweile überall anerkannten unterschiedlichen Profilen. Dieses besondere Merkmal scheint jetzt wohl als nebensächlich betrachtet zu werden - auch von einigen Hochschulvertretern. Nach VDE-Meinung sollten die Hochschulen aber auch bei den neuen Entwicklungen ihre unterschiedlichen Profile ausdrücklich erhalten und weiter entwickeln; die jeweiligen Stärken sollten ausgebaut werden. Ein interessantes und aktuelles Beispiel gibt es in Ulm, wo beide Hochschultypen gezielt zusammenarbeiten. Der 7-semestrige Bachelor-Studiengang "Nachrichtentechnik" der FH Ulm wird per Vereinbarung mit dem Master-Studiengang "Telekommunikations- und Medientechnik" der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der Universität Ulm gekoppelt. Das Konzept vereinbart die Vorzüge der praxisorientierten FH mit der wissenschaftlichen Vertiefung der universitären Ausbildung, die die Studierenden befähigt, die Wissenschaft weiter zu entwickeln. Allgemein gefragt, haben alle Fachhochschulen auch allein die Voraussetzungen hierfür? Ich meine, sowohl in die Breite und in die Tiefe der Ausbildung zu gehen und dies in noch kürzerer Zeit, das funktioniert nicht - zumindest nicht bei der Mehrheit der Hochschulen! Ähnliches gilt für solche Universitäten, die mittels berufsorientiertem Bachelor die praxisnahe Ausbildung verstärken wollen.
Leider hat die derzeitige Entwicklung beim "Bologna-Prozess" dazu geführt, dass zwischen den Hochschultypen das gegenseitige Misstrauen in mancher Diskussion wieder verstärkt wurde. Nach meinem Eindruck ist zu befürchten, dass unsere Hochschulen klassischer Prägung ihren angestammten Platz verlieren und sich die Profile von Universitäten und Fachhochschulen verwischen. Dieses kann unter Wettbewerbsgesichtspunkten zur Qualitätssicherung im Prinzip wünschenswert sein. Andererseits sollte auch gefragt werden, ob wir uns bei 150 Hochschulen mit elektrotechnischen Fachbereichen einen Wettbewerb mit ungleichen Startbedingungen und Voraussetzungen von Fachhochschulen und Universitäten leisten können. Im Augenblick besteht die Gefahr, dass wir in eine Entwicklung hineingeraten, die sich im Nachhinein als eine Verschwendung von Ressourcen herausstellen könnte. Als bedenklich muss das Untersuchungsergebnis des Stifterverbandes gewertet werden, wonach "ausgerechnet bei den als industrienah geltenden Fachhochschulen der Praxisbezug häufig auf der Strecke" bleibt. Für problematisch halte ich die Orientierung einiger Hochschulen auf eine 6-semestrige Gesamtausbildung zum Bachelor und mit dem hauptsächlichen Argument, nur dann einen zusätzlichen Master-Studiengang anbieten zu können.
Eigene Stärken
Die differenzierte aber konstruktive Haltung des VDE zur gesamten Entwicklung basiert u. a. auch auf erkennbare gegenläufige Tendenzen im viel zitierten Ausland. Große amerikanische und englische Universitäten etablieren zunehmend eine grundständige 4- bis 5jährige Ausbildung, oft mit Integration berufsorientierter Qualifikationen - also im Prinzip nach bisherigem deutschen Muster. Im IEEE denkt man in diesem Sinn aktuell über generelle Empfehlungen zur Umgestaltung nach "europäischem Modell" nach. James M. Tien, IEEE-Vice President Educational Activities: " - such as the Diplomingenieur program in Germany ..." Auch in Großbritannien geht der Trend im Gegensatz zu Deutschland gerade in die andere Richtung, die dreijährige Bachelor-Ausbildung abzuwerten. Bei der deutschen Nachahmungsmentalität könnten wir also in groteske Situationen kommen. Ein weiterer Grund für die vorsichtige Beurteilung seitens des VDE ist die Erkenntnis, dass es bei der aktuellen Ausstattung unserer Fachbereiche eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt, da die neuen Studiengänge hinsichtlich der neuen Lehrinhalte und -formen eigentlich einen höheren Betreuungsaufwand der Studierenden erforderten als bisher. Meines Erachtens sollte man sich im Klaren darüber sein, dass der erkennbare bildungspolitische Wille, sich äußerst "innovativ" und in Bezug auf ausländische Vorbilder sehr nachahmensbereit zu zeigen, einen Preis hat.
Es gibt auch die Möglichkeit, bei der Umgestaltung den eigentlichen Kern, die Inhalte und die Vorzüge unserer Ingenieurausbildung unbedingt zu erhalten - vor allem die vermittelte Berufsbefähigung. In einer gezielten, regionalen Arbeitsteilung von Universitäten und Fachhochschulen und einer stärkeren Durchlässigkeit des Systems (auch zu den Diplom-Studiengängen) könnte sich erweisen, dass Deutschland auch zukünftig ein effektives und anerkanntes Ausbildungssystem innerhalb des internationalen Bildungsmarktes anbietet. Verbände wie der VDE sollten diese inhaltlichen Diskussionen zur Erhaltung der Qualität jetzt führen oder moderieren und den noch verbliebenen Gestaltungsspielraum nutzen.
Kontakt: wbb-fachausschuesse@vde.com
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