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Gesellschaft 

Wie kann zum Ingenieurstudium motiviert werden?  

Diskussion: Innovation ohne deutschen Nachwuchs? 
Forum des VDE und der Hanns-Seidel-Stiftung am 11. Februar 2005

Frankfurt 

Die Ingenieurwissenschaften haben ihre frühere Attraktivität zum großen Teil verloren, so dass sich die Schüler immer mehr den sog. weicheren Studienfächern zuwenden. Fürchten unsere Studien-anfänger die Härte des Ingenieurstudiums, werden sie vielleicht von den vermeintlich problemati-schen Berufsaussichten abgeschreckt oder missfällt ihnen das mancherorts geringe Ansehen dieses Berufs? Warum, - so ist schließlich zu fragen, - ist bei uns der Anteil der Frauen im Ingenieurberuf mit unter 10% im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn so gering ?

Angesichts der Tatsache, dass wir als Industriestaat und Hochlohnland im Wesentlichen von technischen Innovationen und den daraus entwickelten Produkten für den Weltmarkt leben, ist dies ein alarmierender Befund. Ohne einen qualifizierten Ingenieurnachwuchs werden wir die für die Zukunft notwendigen Innovationen nicht schaffen, und so droht unserer Gesellschaft bereits in absehbarer Zukunft ein rapider sozialer Abstieg.

Diese Situation hat VDE und Hanns-Seidel-Stiftung veranlasst, ein Forum mit 20 Teilnehmern aus Wissenschaft und Schulen, Politik und Wirtschaft sowie Industrie und Verbänden zu einem interdis-ziplinären Gespräch einzuladen. Dabei sollte die Problematik aus unterschiedlicher Blickrichtung diskutiert und, - soweit möglich, - Lösungsansätze erarbeitet werden.

Aus Sicht von Pädagogik und Philosophie liegt einer der Gründe für den Attraktivitätsverlust der Technik darin, dass Kinder und Schüler viel weniger mit Technik in Berührung kommen als früher. Dies fängt im Elternhaus an, wo technisches Spielzeug, - keine Computerspiele!,- kaum noch und wenn überhaupt nur Jungen gegeben wird, während nach dem Rollenverständnis hierzulande Mädchen Puppen und Haushaltsspielzeug bekommen. Dadurch geschieht von Anfang an eine Ausrichtung der Mädchen von der Technik weg. Diese Entwicklung setzt sich im Kindergarten und in der Schule fort, wo die Jungen die ohnehin geringen technischen Inhalte für sich reklamieren und die
Mädchen verdrängen.

Unterstützt wurde die Einschätzung durch die am Forum beteiligten beiden Schülerinnen des Maria-Ward-Gymnasiums. Sie beklagten die Rollenverteilung in der Familie von frühester Kindheit an, was dazu führt, dass sich Mädchen in technischen Fragen generell für weniger begabt halten, und sie
bestätigen, dass in Schulen mit Koedukation der Zugang zur Technik für Mädchen schwieriger ist. So ist es verständlich, dass 50% der Frauen im Ingenieurberuf von Mädchenschulen kommen, die insgesamt nur 8,5% der Schülerzahl betreuen. Durch die so entstehende Distanz und Unkenntnis werden die Ingenieurwissenschaften als ein iihartesiw Studium angesehen, das den Mädchen Angst macht.

Der VDE will mit seinen Aktionen Jugendliche für Technologien der Zukunft zu begeistern. Mit Botschaftern für Schulen, Wettbewerben und Initiativen werden pro Jahr mehr als 10.000 Schüler erreicht. Erfolgreich ist die VDE-Aktion " Invent a Chip", bei der Schüler Ideen für Mikrochips entwickeln und in einen funktionsfähigen Chip-Entwurf umsetzen. Darüber hinaus unterstützt der VDE aktiv auch Jugend forscht und den Focus-Schülerwettbewerb.

Von den Technischen Universitäten wurden diese Forderungen ausnahmslos unterstützt. Die entscheidende Triebkraft für das "Ingenieur-Werden" ist die Neugier auf das Unbekannte, die schon im Kindesalter geweckt werden muss und das begeisternde Vorbild.

Dazu ist es zum einen notwendig, dass die Ingenieure wieder als Vorbilder das Geschehen bestimmen, zum anderen dass die komplizierte Technik der Öffentlichkeit besser erklärt wird. Dazu helfen eine geänderte Einstellung in den Medien, Technikkurse in den Schulen und Schnupperkurse für Schüler an den Hochschulen.

Wirtschaft und Industrie sehen es bereits heute als gegeben an, dass Innovationen deutscher Firmen auch wegen des Fehlens eines entsprechend qualifizierten Nachwuchses nicht mehr allein in Deutschland stattfinden. Dies bedeutet, dass zunehmend auch höherwertige Arbeitsplätze ins Ausland abwandern, was von der Jugend vielfach als Abnahme der Attraktivität des Ingenieurberufs interpretiert wird.

Dies ist aber in keiner Weise zutreffend; vielmehr bietet der Arbeitsmarkt für Ingenieure gute bis sehr gute Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten. Daher müssen wir einen gegenläufigen Prozess einleiten und die Kreativität junger Menschen zur Schaffung von Innovationen fördern, wenn wir die Wert- schöpfung im eigenen Lande halten wollen. Dazu sollten vermehrt Lehrer sich in der Industrie informieren und so eine Brücke von der Schule zur Technik schaffen.

Insgesamt muss in Deutschland ein Paradigmenwechsel stattfinden mit einem Bündel von Maß-nahmen beginnend bei der Kindererziehung über die Curricula in Schulen und Hochschulen bis hin zu einer besseren Information der Öffentlichkeit, wobei die Mitwirkung der Medien von entscheidender Bedeutung ist. Nur so kann der dringend benötigte Ingenieurnachwuchs beschafft und die
Innovativkraft unserer Wirtschaft wieder gesteigert werden.

Die Politik hat diese Zusammenhänge klar erkannt und ein umfangreiches Programm zur Förderung des Ingenieurnachwuchses auf den Weg gebracht. Es ist zu hoffen, dass dieses Programm möglichst bald greift und wesentlich zur Motivation der Schüler für den Ingenieurberuf beiträgt.


Jan Steinkamp

Statements

Dr. Frank Stefan Becker
Leiter Bildungspolitik
Siemens AG, München

Prof. Dr.-Ing. Jörg Eberspächer
Lehrstuhl f. Kommunikationsnetze
Technische Universität München

Dr. Dipl.-Ing. Günter Getzinger,
Interuniversitäres Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur
Technische Universität, Graz

Wolfgang Gollub
Arbeitgeberverbände Gesamtmetall, Berlin

Ernst Hagenmeyer
VDE

Dipl.-Ing. Henning Kaul, MdL
Ausschuss für Landesentwicklung und Umweltfragen
Bayerischer Landtag

Sezen Kinali
Schülerin der Maria-Ward-Schule

Sandra Lorenz
Schülerin der Maria-Ward-Schule

Prof. Dr. Heinz Mandl
Institut für Pädagogische Psychologie
Ludwig-Maximillians-Universität München

Prof. Dr. Rolf Oerter
Institut für empirische Pädagogik und pädagogische Psychologie
Ludwig-Maximillians-Universität, München

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Schröppel
Siemens AG, Nürnberg

Peter Zabel
Rohde & Schwarz, München